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Wo beginnt Frieden?

Angesichts der ungemütlichen Lage in der Welt fühlen wir uns oft ziemlich hilflos. So vieles scheint aussichtslos, alles geht den Bach runter, keiner unternimmt etwas dagegen, der Druckkochtopf brodelt. Wir spüren, dass sich die Richtung nicht gut anfühlt. Wir sind unruhig, gereizt, nervös. Unsere Gedanken kreisen um Weltuntergangsszenarien. Wir haben Angst. Schlimm. Unser eigener Kochtopf ist fast am übergehen, wir besprechen die Situation mit unserem Umfeld. Beschweren uns, machen unserem Unmut Luft. Besser. Wir finden Zustimmung und fühlen uns nicht mehr ganz so verloren. Gut.

Tief in unserem Inneren sehnen wir uns nach Frieden, nach Ruhe, nach Glück und Liebe. Für kurze Zeit finden wir das im Außen, wenn wir uns mit Menschen unterhalten, die die Welt so sehen wie wir. Das beruhigt. Hilft. Für den Moment. Aber unser Kochtopf ist heiß. Jeder Tropfen Ruhe verdampft an der Oberfläche, also noch bevor er überhaupt in unseren Kern vordringen hätte können. Warum können wir diese Kraft nicht halten? Warum sind die Menschen bloß so wie sie sind? Warum ist die Welt so wie sie ist? Warum tut niemand etwas und überhaupt, warum ist die Frau an der Kasse so unfreundlich, ausgerechnet heute, wo eh schon alles zuviel ist? Wie zum Kuckuck soll ich entspannt bleiben, wenn alle anderen immer so aufgekratzt sind, ständig Chaos verursachen und einfach keine Rücksicht nehmen? Ja, wie? Und vor allem, warum? Warum ich? Warum immer ich? Moment mal. Habe ich mich tatsächlich gerade gefragt, wie ich entspannt bleiben kann und warum ausgerechnet ich das machen soll? Und fühle ich mich gerade als Opfer, weil alle anderen grantig sein “dürfen”, während ich überlegen “muss”, wie ich ruhig bleiben kann? Hmm. Das darf kurz mal sacken.

Also noch einmal von vorne. Rechnen wir mal kurz nach. Grantig sein, ist leicht. Entspannt sein, ist schwer. Wir wollen es einfach haben, also müssen wir uns folglich für grantig entscheiden. Logisch. Geht doch. Auf in den nächsten Supermarkt. Denen haben wir es aber echt gezeigt. Brodel. Brodel. Brodel. Immer noch brodelt es. Da ist was am Dampfen. Was dampft da immer noch? In unserem Automatikmodus entscheiden wir uns in diesem Fall normalerweise dafür, den Deckel draufzulassen, einfach immer schön zudecken und gut ist es. Unser bekannter Kreislauf beginnt von vorne. Fühlt sich vertraut an, weiter so.

Manchmal kommen wir aber an einen Punkt im Leben, an dem uns der Automatikmodus nicht mehr reicht. Wir wollen in den nächsten Gang schalten. Selbstständig. Wir wollen rausfinden, was sich da so ungemütlich anfühlt und vor allem, warum das Ziehen und Zerren immer wieder zurückkommt. Ja, das ist im ersten Moment eine Herausforderung. Ja, dafür muss der Deckel abgenommen werden. Ja, das kann anstrengend sein. Ja, da beginnt man ganz im Kleinen. Und nein, dadurch wird nicht sofort in der Sekunde alles besser. Aber in der Minute darauf folgt ein klitzekleines, fast unauffälliges Seufzen. Nach einer Stunde ein Durchatmen. Wir beginnen einen Prozess und wir entscheiden uns für Frieden. In uns. Noch fühlt sich alles etwas fremd an. Kann doch nicht sein, dass die Kassenfrau plötzlich so freundlich ist. Absturz. So schön war es da oben. Aber unten kennen wir uns immerhin aus. Keine Überraschungen. Trotzdem,  jetzt wo wir diese andere Seite kennen, kann uns dieses vermeintlich Vertraute nicht mehr so recht überzeugen. Und wir beginnen von Neuem. Wie ein kleines Kind, das lernt zu laufen. Wir fallen hin, wir stehen auf. Unermüdlich. Wir wissen einfach, das ist der Weg. Wir suchen die Mitte in uns und nehmen uns Zeit dafür. Es dauert so lange es eben dauert. Aber einmal erfahren, wollen wir immer wieder dorthin. Wir mögen diese Ruhe und wir nehmen wahr, dass das Brodeln nachgelassen hat. Kleine Tropfen der Entspannung erreichen plötzlich den Kern unseres Systems und wir lassen sie ihren Weg nehmen, bis wir sogar darin baden können.

Die Unruhe im Außen findet dadurch jeden Tag weniger Resonanz in unserem Inneren, weil wir unsere eigene Frequenz anders eingestellt haben. Wir bemerken plötzlich, dass wir mit den Menschen in unserer Umgebung nicht mehr so streng sind und können eventuell sogar schon einen Tropfen der Entspannung abgeben. Was??? Abgeben? Nein, nein, nein, davon geben wir sicher nichts her. Wär ja noch schöner. So lange daran gearbeitet und dann sollen wir da auch noch was hergeben? Hoppala. Altes Muster. Nochmal aufstehen. System wieder neu einstellen. Es brodelt ein bisschen. Nachdenken. Brodeln oder baden. Brodeln oder baden. Entscheiden. Bitte baden, diesmal mit Schaum und Kerzen und einem Cocktail. Danke. Mal in Ruhe überlegen. Wenn wir etwas von unserer Entspannung abgeben, wird sie dann bei uns weniger? Normalerweise ist das so, zumindest erfahrungsgemäß. Wenn wir etwas hergeben, haben wir es selbst nicht mehr. Einfache Rechnung. Also doch lieber wieder brodeln, nichts hergeben und einfach grantig sein? Nein, dafür ist es jetzt zu spät. Zu schön war es bereits im Entspannungsbad. Also wenn wir Ruhe nach außen bringen wollen, aber nicht möchten, dass sie bei uns selbst weniger wird, was können wir dann tun? Auch eine einfache Rechnung. Für Nachschub sorgen. Frieden beginnt in uns. Und zwar jeden Tag aufs Neue. Wir schaffen das.

Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie anderswo zu suchen.
– Francois de La Rochefoucauld

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