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Vom Mut, die Dachbodentür zu öffnen

Es gibt Dinge, die schmerzen uns so richtig. Allein die Erinnerung daran fühlt sich an, als würden wir die gesamte Situation jetzt in diesem Augenblick noch einmal erleben. Wir spüren einen richtigen Stich im Herzen und wissen, da haben wir noch etwas nicht verarbeitet. Also am besten schnell ablenken. Den Spalt rasch wieder zumachen. Den Kopf in Arbeit stecken, Netflix schauen, sonstige lebensrettende Maßnahmen durchführen. Pfuuu. Gerade noch einmal geschafft. Monster erfolgreich im Dachboden verstaut.

Diese Taktik hilft uns durch den Alltag. Wir können eben nicht zu jedem erdenklichen Zeitpunkt genauer auf diesen Schmerz eingehen. Einmal darauf eingelassen, kann es sein, dass wir dadurch nämlich unsere Zehen vielleicht nicht nur in die nächste Pfütze tauchen, sondern plötzlich mit meterhohen Wellen im endlosen Meer kämpfen. Können wir nicht wissen. So gesehen ganz gut, dass wir uns im Ernstfall schützen können.

Was ist aber, wenn sich diese Monster zwar für ein paar Tage beruhigen lassen, dann aber wieder weiter poltern? Was, wenn sie vor allem dann kommen, wenn wir sowieso schon müde und ausgelaugt sind und wenig Kraft zur Verfügung haben? Was, wenn es in unserem Umfeld immer wieder Menschen und Situationen gibt, die diese dunklen Gestalten quasi absichtlich heraufbeschören? Dann fühlen wir uns ziemlich ausgeliefert. Abhängig. Kontrollverlust. Wir versuchen dann mit aller Kraft die Dachbodentür zu verteidigen wie eine Festung – da darf sicher keiner ran – und fühlen uns aber gleichzeitig vom Inneren dieser Festung bedroht. An Entspannung nicht zu denken. Sieht das denn keiner, was wir da leisten? Offensichtlich nicht. Ständig wird noch etwas draufgepackt. Könntest du noch – und da wär noch – und hör doch mal – und du musst noch – und nie machst du – und warum kannst du nicht einfach. Weil, Monster! Hallo?

Während wir in diesen Kampf verstrickt sind, haben wir natürlich keine Kapazitäten, uns näher mit den Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen. Logisch. Und wenn der Spuk vorbei ist, sind wir einfach nur froh, dass wir es für den Moment geschafft haben, wollen uns ausrasten und freuen uns, dass wir auch wieder was vom Leben haben. Alles wieder gut. Endlich. Und zack. Einmal nicht aufgepasst und schon die nächste Wunde aufgekratzt. Immer wenn es schön ist, kommt es dann doppelt dick zurück. So ein Mist aber auch. Unser Radarsystem ist eigentlich gut eingestellt, aber manche Leute schaffen es einfach immer wieder durchzukommen. Warum hauen die auch echt immer wieder so drauf? Immer machen sie – könnten sie nicht einfach – die müssen doch – und nie lassen sie mich. Ausgeliefert. Abhängig. Kontrollverlust.

Moment mal. Da wiederholt sich etwas. Wollen wir uns wirklich immer wieder so fühlen? Wollen wir natürlich nicht, aber es ist alles so stressig. Keine Zeit. Der Kopf in Arbeit. Termine. Verpflichtungen. Dachbodentür zu schwer. Aber: Auch eine schwere Tür hat nur einen kleinen Schlüssel nötig (Charles Dickens). Mit dieser Erkenntnis haben wir bereits einen Großteil des Weges zurückgelegt. Wir haben uns nämlich gerade dafür entschieden, eine Lösung zu finden. Und wir haben erkannt, dass wir nicht angemessen auf die einprasselnden Situationen reagieren können, weil uns unsere Monster immer zu schaffen machen. Wie auch, wenn man ständig mit Wache halten und Radar justieren beschäftigt ist. Schließlich wissen wir ja nicht, wie groß die sind und was sie anrichten, wenn sie rauskommen. Ganz unabhängig davon was wir hinter der Tür verstauen,  es wird im ersten Moment wehtun, reinzuschauen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Wir haben die ja nicht aus Spaß dahinter versteckt. Aber zu ihrer eigentlichen Größe kommt auch noch unsere Angst dazu. Die Angst nicht genau zu wissen, was uns erwartet, die Angst davor, nicht damit umgehen zu können, die Angst davor, dann erst recht allein zu sein und noch ganz viele weitere. Kein Schimmer von Vertrauen. Kein Schimmer von, ja wir schaffen das. Noch nicht. Das Einzige was wir wirklich wissen, wir wollen raus aus dem Kreislauf. Und dieser Wunsch ist plötzlich so stark, dass wir alle Hebel in Bewegung setzen. Und auf einmal ist da jemand, der uns versteht oder wir finden einen Hinweis, der uns weiterhilft. Ein Zitat, ein Buch, ein Lied. Unsere Augen und Ohren sind mit diesem Moment offen für Unterstützung. Und mit dieser Unterstützung schaffen wir es, die Tür bewusst zu öffnen, das Licht aufzudrehen und wenn es zu viel wird, die Tür wieder zu schließen. Ja, das geht. Natürlich haben wir unsere Sensoren immer noch eingeschaltet und lauschen, was hinter der Tür passiert. Aber ab dem Zeitpunkt, wo wir sie bewusst öffnen und wieder schließen können, haben wir einen Teil der Kontrolle zurück erlangt und gleichzeitig das Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten gestärkt. Was für ein guter Anfang!

Wir haben über die Jahre einfach sehr viel Schlimmes erlebt. Vieles davon haben wir häufig gleich hinter der schweren Tür verstaut. Es war zu dem damaligen Zeitpunkt einfach sicherer. Das ist ok. Irgendwie mussten wir uns ja schützen. Und uns haben die Methoden gefehlt, damit umzugehen. Irgendwann kommt dann aber der Zeitpunkt, wo wir uns fragen, warum sich gewisse Dinge wiederholen und was uns das Leben damit sagen möchte. Und das ist ein guter Start für eine Veränderung. Wenn wir unsere Emotionen kennen, wenn wir wissen, was sie auslöst und welche alten Erinnerungen damit verknüpft sind, können wir nach und nach Verständnis für uns selbst aufbringen. Und wir überlassen damit die Verantwortung, wie wir uns fühlen, nicht mehr jemand anderem. Wir holen uns also unsere eigene Kraft zurück, finden unsere Mitte und vor allem, finden wir immer wieder zurück in diese Mitte, weil wir das wollen. Und in dieser Entspanntheit erkennen wir häufig viel einfacher, wenn unser Gegenüber in ähnlichen Verstrickungen gefangen ist. Vielleicht können wir sogar helfen. Zumindest können wir aber verstehen. Und man ahnt manchmal nicht, wieviel dieses Verständnis dazu beitragen kann, dass sich jemand gesehen und geliebt fühlt.

Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. – Marie von Ebner-Eschenbach

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