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Klare Sache.

Illustrationen über das Leben

Der Tag, an dem ich die Angst verlor, war zunächst unspektakulär. Ich war so damit beschäftigt, sie zu suchen, dass mir gar nicht bewusst war, wie wenig ich sie noch brauchte. Ohne es im ersten Moment zu merken, wurden ihre Spuren allmählich diffuser, bis ich sie fast nicht mehr wahrnehmen konnte. Sie war plötzlich bereit zu weichen, um Platz zu machen für etwas Anderes. Du würdest jetzt vermutlich erwarten, dass an ihre Stelle sofort die Liebe getreten wäre. Aber nein, der Raum war frei für einen kräftigen Schmerz.

Tiefgehend und unaufhaltsam hochkriechend breitete er sich aus. Ein Schmerz, der vorher nicht da sein durfte, nicht da sein konnte. Und dann war er auf einmal sehr präsent. Ich kannte ihn. Aber ich ließ ihm vorher nie Gelegenheit, die Bühne zu betreten. Zu groß war die Angst. Sie hatte den gesamten Raum für sich beansprucht und referierte unaufhörlich darüber, wie gefährlich es wäre, mich ihm zu stellen. Ich glaubte ihr. Doch irgendetwas in mir veranlasste mich auch, trotzdem hinter die Kulissen zu schauen. Ich ging also nicht in direkte Konfrontation mit der Angst, sondern schlich mich von der anderen Seite an. Arbeitete an inneren Konflikten, beschäftigte mich mit Blockaden, fing an, zu verstehen, zu verzeihen, Verständnis zu haben, die Zusammenhänge zu erkennen. Großartige und wichtige Prozesse setzten sich dadurch in Gang und Schicht für Schicht lösten sich große Themen einfach in Luft auf. Ich fühlte Schmerz, aber wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, war es nicht DER Schmerz, sondern eine Abwandlung davon. Ein Abbild, eine Version verzerrt von der Angst, denn ich war immer noch hinter dem Vorhang, sie von hinten betrachtend. Erst an dem Tag, an dem sie beschloss, mich nicht mehr zu brauchen, konnte ein neuer Akteur die Bühne betreten. Er war groß und mächtig. Brüllte ordentlich. Und ich war bereit. Startklar, rauszugehen und ihm zu begegnen. Mich hinter der Angst zu verstecken, war längst keine Option mehr, denn sie war zu klein geworden, um mir eine Stütze zu sein. Als ich aufgehört hatte, sie zu suchen, fand ich sie nämlich plötzlich. Ganz entspannt sitzend, inmitten des Publikums. Wir kannten uns gut und wussten, dass wir nun die Rollen neu verteilt hatten. Klare Sache.

Da war er also, der Schmerz.

Groß. Ja. Mächtig. Und wie. Aber ich war stark. Und gleichzeitig bereit, schwach zu sein. Fokussiert. Und gleichzeitig bereit, alles zuzulassen. Präsent. Und gleichzeitig bereit, ihm Raum zu geben. Und vor allem motiviert, ihn kennenzulernen. So richtig. Und ich war plötzlich dankbar dafür, dass mich die Angst so gut trainiert hatte.

Es war ein kurzes Gastspiel.

Von der Sorte intensiv und in Erinnerung bleibend. Voller Konfrontation und Tiefgang. Direkt und ohne Umschweife. Ehrlich. Desinfizierend. Brennend. Klärend. Reinigend. Sauber wild. Aber voller Liebe. Wir umarmten uns, nickten uns anerkennend zu und dann ging er. Einfach so.
No Drama. Sämtliche Schwere und Undefiniertheit mit sich nehmend. Da stand ich nun. Hatte tatsächlich zugelassen, zu fühlen, was ich mir damals nicht erlaubte. Ich erkannte, die Arbeit rundherum war längst erledigt. Keine Schuldzuweisungen. Es ging nur noch um das Spüren. Es ging um mich. Um das Anerkennen meines lang zurückgedrängten Schmerzes. Das war alles.

Mit seinem Weggehen wurde es auf einmal hell und die Liebe für mich selbst wurde im Moment neu geboren.

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