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Wilde Schönheit

Wilde Schönheit. Das Leben in dir. Illustration und Text Johanna Leitner

Glaubst du an die wilde Schönheit in dir? An dieses unbändige und doch sanfte Wesen? Spürst du bereits, wie sich die Gegensätze in dir zu einem großen Ganzen vereinen und doch für sich auch einzeln bestehen bleiben, ohne sich gegensätzlich anzufühlen? Kannst du wahrnehmen, wie sich der Boden unter dir öffnet und dich trotzdem stabil trägt? Erkennst du, dass dein Geist nach oben aufmacht und doch völlig zentriert bleibt in dir? Ist dir die Gleichzeitigkeit bewusst?

Merkst du, dass du dafür nicht mehr ausschließlich in der Meditation bleiben musst, sondern diese Größe auch im Alltag immer deutlicher erfahrbar wird? In diesen Momenten fühlen wir uns getragen, beschützt und voller Elan. Alles fließt und bewegt sich. Wir vergessen jedes Mühsal und blicken entspannt in den Tag. Die Menschen rundherum reagieren positiv auf uns, wir sind offen und fröhlich. Und dann. Plötzlich. Luftloch.

So gut war es schon

Und jetzt? Was machst du? Gerätst du in Panik? Trauer? Wut? Kämpfst du? Oder schaffst du es bereits, auch dann alles fließen zu lassen? Kannst du erkennen, dass du eigentlich nicht gegen, sondern für dich arbeitest? Kann es sein, dass du vielleicht vorher Kraft getankt hast, um genug Energie zu haben für das Durchspülen der nächsten Ebene? Will sich Manches vielleicht jetzt lösen, was du vorher noch nicht anschauen konntest? Ist dir bewusst, dass sich diese Wellen schon mehrmals abgewechselt haben und du jedes Mal noch gestärkter hervorgegangen bist? Nimmst du wahr, dass der Punkt, an dem du einsteigst, viel tiefer liegt, als noch vor einem Jahr? Erkennst du, dass es sich vielleicht um ähnliche Probleme handelt, aber du sie in einer viel feineren Ausführung betrachtest? Wenn es nicht rund läuft, ist es meistens schwer, das alles zu sehen. Vielleicht kannst du einen guten Freund bitten, dich nächstes Mal darauf hinzuweisen, wenn du allein noch nicht gleich raussteigen kannst. Es wirkt manchmal Wunder, wenn dir das jemand von außen sagt.

So gut ist es immer

Was kannst du also tun, um trotzdem gut durch diese Zeit zu kommen? Vielleicht hilft es dir, besonders an diesen Tagen deine Erwartungshaltung etwas zu modifizieren. Wir streben grundsätzlich nach dem Höchsten, insofern gehen wir auch davon aus, dass wir immer gleich viel Energie in den Tag und in unser Tun bringen (müssen). Manchmal wird die Energie aber gerade wo anders gebraucht und dann scheint es so, als hätten wir weniger zur Verfügung. Vielleicht hat sich unsere Energie aber nur umverteilt und dann bleibt für die nach außen gerichteten Tätigkeiten einfach weniger übrig. Da wir es gewöhnt sind, unsere Kraft an unserer Leistung zu messen, sehen wir nur, dass da etwas nicht so funktioniert, wie wir das gerne möchten. Das ködert unsere Aufmerksamkeit. Dass unsere wilde Schönheit aber auch unter der Oberfläche weiterfließt, kommt uns meist nicht in den Sinn. Dass wir unsere Aufmerksamkeit auch darauf richten könnten, noch weniger.

Eventuell schaffst du es, an diesen Tagen zumindest etwas sanfter mit dir zu sein. Weniger große Leistungsansprüche zu stellen. Arbeit mal abzugeben. Um Hilfe zu bitten. Schwach sein zu dürfen. Manchmal ist diese Verlangsamung einfach wichtig, weil unser Körper Zeit braucht, den ganzen Entwicklungen, die vorher stattgefunden haben, zu folgen.

So gut wird es sein

Manchmal liegt der Schlüssel einfach auch darin, zu akzeptieren, dass das Leben nicht wie eine gerade Linie von A nach B verläuft. Vielleicht gleicht es eher einer Spirale, die sich auf jeder Ebene in vier Jahreszeiten unterteilt. Eventuell fließt es wie ein Gebirgsfluss durch die schönsten Täler, die atemberaubensten Schluchten, die winzigsten Felsspalten und die dunkelsten Höhlen hin zum Meer, bis es sich als Regen wieder auf der Erde niederlässt. Wilde Schönheit eben.

Merkst du, was das Leben mit dir macht, wenn du es fließen lässt? Es bleibt wild, weil du es nicht begradigst, es bleibt natürlich, weil du es nicht begrenzt. Es bleibt kraftvoll, weil du es stärkst und es bleibt sanft, weil du es liebst.

Und jetzt reden wir die ganze Zeit nur von dir. Ist dir bewusst, dass auch das Leben aller Menschen, die dich umgeben, so unbändig ist? Dass manche aber vielleicht noch nicht schaffen, trotzdem sanft zu bleiben? Was machst du? Wirst du wütend? Beschwerst du dich? Ärgerst du dich und regst dich auf? Oder kannst du ihnen helfen, den Fluss lebendig zu halten? Ist dir klar, dass du dazu stabil in deiner eigenen Dynamik sein musst? Gar nicht so einfach. Aber Veränderung beginnt dort, wo jemand etwas verändert. Daher danke fürs Dranbleiben, auch an den Tagen, die dir richtig wild vorkommen. Vielleicht entpuppt sich das Luftloch sogar als Wasserfall. Dort gibt es oft die schönsten Regenbögen!

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