Loading…

Was machst du, wenn es regnet?

Was machst du, wenn es regnet?

In vielen Momenten geraten wir in Stress und Panik, obwohl gar keine Gefahr droht. Aus Sorge und Selbstschutz reagieren wir häufig über und haben Schwierigkeiten, aus unserer inneren Ruhe heraus zu handeln. Anstelle von Intuition und Weitblick übernimmt die Angst das Ruder. Das passiert in Bruchteilen von Sekunden und ehe wir uns versehen, sind wir ganz weit weg von unserer zentrierten Mitte. Und ich frage mich, kann unsere Gesellschaft lernen, Vertrauen und Gelassenheit zu leben?

Kann jeder Einzelne wieder lernen, besser darauf zu vertrauen, was gerade gut tut? Schaffen wir es, den Menschen um uns herum, den nötigen Freiraum dafür zu geben und trotzdem liebevoll in der Nähe zu bleiben? Können wir klare Grenzen setzen, ohne anderen ihre Freiheit zu nehmen? Schaffen wir es, das große Ganze im Blick zu behalten und unsere Entscheidungen entsprechend weitsichtig zu treffen?

So viele Fragen, die sicher nicht nur mich beschäftigen. Ich glaube, dass wir das alle können. Ich glaube allerdings auch, dass wir in vielen Fällen unsere automatischen Programme anspringen lassen, die unser innerstes Gefühl einfach übertönen. Aus Sorge um uns selbst und die Menschen um uns herum, tendieren wir dazu, alles kontrollieren zu wollen. Wir sind angespannt und spüren dann gar nicht mehr so genau, wo die eigene Mitte überhaupt ist. Das wirkt sich auf unseren beruflichen Alltag genauso aus wie auf unsere Freizeit. Die Weitsichtigkeit und Gelassenheit, die wir uns oft im Außen wünschen, fehlt uns dann häufig im Inneren. Das wissen wir intuitiv und daher wünschen wir sie uns um so mehr. Aber könnnen wir an einem Regentag voll in unserer Präsenz bleiben, wenn unser System nur damit beschäftigt ist, ja nicht nass zu werden? Können wir gelassen bleiben, wenn wir ausschließlich darauf fokussiert sind, uns über den Regen zu beschweren? Vermutlich wird uns das sehr schwer fallen. Wo können wir also beginnen, wenn wir das verändern möchten? Die Inspiration zu einer möglichen Antwort kam an einem drückend heißen Sommertag zu mir.

Dem Regen begegnen

Dunkle Regenwolken geben mir den Impuls das Fenster zu schließen. Zuvor schaue ich noch einmal raus und sehe am Spielplatz einen kleinen Jungen, vielleicht drei Jahre alt, in der Kinderschaukel. Er wirkt ganz in sich gekehrt. Sein Vater ist damit beschäftigt, seinem kleinen Bruder die Schuhe anzuziehen. Außer dieser Familie ist niemand mehr am Spielplatz. Der nahende Regen hat die anderen Menschen bereits nach Hause getrieben. In dem Moment fallen die ersten riesigen Tropfen vom Himmel. Der kleine Junge bleibt unbeeindruckt, schaukelt in Ruhe weiter. Ich denke kurz, das arme Kind wird ja ganz nass.

Die großen einzelnen Tropfen werden immer dichter, bis sie sich innerhalb weniger Sekunden in einen strömenden Regenguss verwandeln. Es wäre jetzt wirklich an der Zeit, das Fenster zu schließen, denn der Regen klatscht bereits auf mein Fensterbrett und spritzt bis ins Wohnzimmer. Doch ich bin so fasziniert von diesem ruhigen Kind, dass ich gar nicht daran denke. Der Vater schiebt den Kinderwagen, in dem der kleine Bruder sitzt, unter einen großen Baum. Dann hebt er den Jungen aus der Schaukel. Statt ihn zum schützenden Baum zu tragen, stellt er ihn auf den Boden und zeigt einfach nur auf den Baum. Sehr interessant, denke ich.

Inzwischen hat der kleine Bruder zu weinen begonnen und der Vater eilt zurück zum Kinderwagen. Innerhalb kürzester Zeit haben sich riesige Pfützen gebildet und anstatt Richtung Baum zu laufen, wo es noch trocken ist, bleibt der Junge in einer Pfütze stehen, breitet seine Arme aus und lässt den warmen Sommerregen auf seine geöffneten Handflächen prasseln. Ich denke, wow. Ein Dankbarkeitsgefühl durchströmt mich, das ich in dem Moment noch nicht ganz erfassen kann. Der kleine Bruder hat sich inzwischen beruhigt und der Vater geht zum älteren Jungen, der immer noch ohne sich zu bewegen im Regen steht. Er kniet sich zu ihm hin, küsst ihn auf die Wange, hebt ihn anschließend hoch und trägt ihn zum Baum. Dort hält er ihn eine Weile innig umarmt und setzt ihn ansschließend auf dem Boden ab.

Vom Regen reinigen lassen

Ich bin ergriffen von dieser Szene. Beeindruckt von dieser Natürlichkeit. Überwältigt von dieser Unaufgeregtheit. Gerührt von dieser Liebe. Dankbar, dass ich diese fünf Minuten miterleben durfte. Mein Herz quillt fast über, trotzdem springt mein Hirn sofort wieder an. Hoffentlich haben sie etwas Trockenes zum Umziehen mit. Oder zumindest einen kurzen Weg nach Hause. Und ich nehme wahr, dass diese Gedanken sinnbildlich für die Sorgen stehen, die uns in ganz vielen Situationen davon abhalten, so natürlich zu reagieren. Der Platzregen hat sich inzwischen in ein leichtes Nieseln verwandelt und als ich wieder zum Baum schaue, ist niemand mehr zu sehen. Die drei haben sich wohl bereits auf den Weg nach Hause gemacht.

Und ich frage mich, wie viele Eltern wohl so reagiert hätten. Und ich frage mich, wie viele Kinder noch so natürlich den Regen begrüßen? Können wir uns von der Natur noch beeindrucken lassen und spüren wir vielleicht intuitiv, dass wir manchmal einfach eine Regendusche brauchen, um uns von den Energien in unserem Umfeld zu reinigen? Spürst du, wenn der Regen nur Wasser ist und keine Gefahr droht? Wie gehst du mit Regen um?

Schreibe einen Kommentar