Vertrauen ins Ungewisse

Illustration Johanna Leitner

Selbst wenn alle Zeichen dagegen sprechen, versuchen wir mit allen möglichen Mitteln zu Kitten und zu Halten, was uns vertraut ist. Wir haben solche Angst vor Neuem, dass wir für dieses Festhalten eine immense Kraft aufbringen können. Wir kontrollieren und schnüren künstlich zusammen, was längst auseinander strebt. Wir spüren, dass es immer enger wird und wickeln trotzdem immer weiter. Schon faszinierend oder?

Mir scheint, wir wenden diese Technik fast überall an, im Beruf, im Alltag, mit fremden Menschen, in der Beziehung, in der Familie. Und es ist vermutlich nicht nur die Angst vor dem Unbekannten, die uns das tun lässt, sondern auch die Angst vor dem Scheitern, vor dem Alleinsein und davor, jemanden im Stich zu lassen. Individuell kann hier wahrscheinlich jeder noch weitere Ängste aufzählen. Weil wir spüren, dass da etwas in die falsche Richtung läuft, haben wir vielleicht sogar bereits angefangen, übers Loslassen und Durchhalten zu lesen und könnten bereits abendfüllende Referate über Selbstliebe halten. In der Theorie klingt das ja auch alles ganz wunderbar, trotzdem wollen wir die Fäden nicht wirklich aus der Hand geben. Könnte ja was passieren. Genau. In uns drinnen sind wir nämlich grundsätzlich überzeugt davon, dass alles schief geht. Immer. Die unbewusste Energie, die wir mit Sorgen über die Zukunft füllen, legt sich wie ein Schleier über alles. Und wir schicken quasi voraus, dass wir, als Hauptkontrolleur der gesamten Situation, alles im Blick haben und entziehen damit eigentlich jedem in unserer Umgebung die Verantwortung. Mit diesem Verhalten sorgen wir wunderbar für Bewegungsunfähigkeit in alle Richtungen, während wir uns dann üblicherweise darüber wundern, dass sich nichts verändert. Was uns natürlich dazu veranlasst, auf uns selber und die Welt zu schimpfen. Und so drehen wir Schleife für Schleife, der Leidensdruck ist ja nicht kontinuierlich gleich hoch, es gibt ja auch gute Phasen, also können wir immer wieder gut kompensieren. Fantastisch. Geht doch wieder. Alles gar nicht so schlimm.

Würden wir wissen, welche Kraft frei werden würde, wenn wir aufhören würden, uns so zu verhalten, würden wir es sofort tun. Ja, würden wir. Wirklich. Tun wir aber nicht, weil Konjunktiv. Und weil wir es eben wirklich nicht sicher wissen. Darauf ist einfach kein Verlass.  Aber wir wissen, es wird alles ganz furchtbar, wenn wir etwas verändern. Hundertprozentig. Ohne Zweifel.

Was ich hier schreibe, wie auch sonst in meinem Blog, ist natürlich persönlich gefärbt. Wie könnte es anders sein. Ich kann nur das schreiben, was ich selbst erlebt habe. Die feine Ironie ist euch sicher nicht entgangen und sie kommt daher, dass ich diese Runden nicht ein oder zweimal gedreht habe, sondern ein Vielfaches davon und immer noch hin und wieder reinstolpere.

Was mich dabei besonders fasziniert, ist diese wiederkehrende negative Denkweise, die sich fast automatisch immer wieder einschleicht. Ab dem Zeitpunkt, wo man sie bewusst wahrnimmt, erschreckt man sich fast selber, wieviele Hintertürchen sie kennt. Wie war das dann bloß, als sie noch freie Bahn hatte und ungestört ihr Sein zum Ausdruck bringen konnte? Hui.

Ich habe keine allgemein gültige Lösung parat. Ich weiß nur, wir dürfen uns Zeit geben. Wir haben vielleicht 30, 40, 50 oder 60 Jahre nicht bewusst auf unsere Gedanken geachtet. Das ist eine lange Zeit und unser Geist ist ein Gewohnheitstier, er kann eben nicht auf Befehl plötzlich alles verändern. Aber er ist sehr lernfähig und reagiert durchaus auf unseren Willen. Und diesbezüglich ist es immer rechtzeitig, wirklich in uns reinzuhorchen. Jeder Zeitpunkt ist richtig. Dafür ist es nie zu spät. Und es ist vor allem nie zu spät, mit sich selbst liebevoll zu sprechen. Es dauert manchmal ein bisschen, bis wir wirklich wissen, was wir wollen oder welchen Weg wir wirklich gehen wollen. Aber wir alle haben diese innere Stimme in uns, die meistens zumindest eine leise Ahnung hat. Und wenn wir schon eine Situation nicht verändern können, können wir zumindest anfangen, in uns selbst etwas zu verändern. Uns zuliebe und auch unserem Umfeld zuliebe. Je weniger wir mit uns selbst schimpfen, desto mehr Verständnis entwickeln wir auch für andere. Und je lieber wir uns selbst haben, desto weniger müssen wir kontrollieren. Auch wenn jemand mal nicht unserer Meinung ist oder nicht für uns da ist, geraten wir dann nicht mehr automatisch in dieses völlig selbstzerstörerische Mangeldenken. Wir müssen weniger eng schnüren, haben daher mehr Kraft für etwas Anderes und unser Geist darf erkennen, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt. Die negativen Denkmuster, die wir uns über die Zeit angeeignet haben, werden natürlich immer wieder mal zurückkehren. Sie waren einfach lange unsere Art mit Situationen umzugehen. Aber mit ein bisschen Beharrlichkeit, können wir nach und nach, jeden Tag ein kleines bisschen dazu beitragen, einen Richtungswechsel vorzunehmen. Voraussetzung ist natürlich, dass wir das auch wollen. Das kann niemand für uns bestimmen, außer wir selbst.

Und in dem Moment, wo wir aufhören an etwas festzuhalten, fangen wir an, unser Vertrauen zu stärken. Ja, es könnte alles schiefgehen. Es könnte aber auch alles gut werden. Beides liegt in der Zukunft, die Chancen sind ziemlich gleich verteilt. Es ist unsere Angst, die meist bestimmt, in welche Richtung es geht, weil die Angst das sagenhafte Talent hat, sich wahnsinnig echt anzufühlen, auch wenn die Situation noch gar nicht Realität ist. Und nachdem die Energie der Aufmerksamkeit folgt, können wir so natürlich sehr rasch wieder in unseren bekannten Strudel zurückgezogen werden. Oder –  mittlerweile kennen wir uns selbst ja bereits gut – wir nehmen uns liebevoll an der Hand und führen unseren Fokus zurück in die tatsächliche Situation, atmen dreimal durch, versuchen unseren Verstand dafür einzusetzen, die Dinge mit ein bisschen Abstand zu betrachten und wenn wir schon besonders geübt sind, spüren wir kurz in unser Herz und wissen, dass es bereits dabei ist, die Lage zu sichern.

Unsere Ängste haben wir uns natürlich nicht einfach so ausgedacht oder ausgesucht. Sie sind da, weil wir wahrscheinlich Schlimmes erlebt haben. Das zu erkennen, tut erstmal weh. Das zu bearbeiten auch. Wir wissen das natürlich, deswegen tendieren wir lange Zeit dazu, jede Konfrontation damit zu vermeiden und darin sind wir meistens richtig gut. Jeder spürt selbst am besten, ob und wann es Zeit ist, sich damit auseinanderzusetzen. Wir haben jedenfalls Menschen um uns herum, die uns dabei unterstützen können. Manchmal sind das Freunde oder Partner, manchmal Therapeuten, Energetiker oder Coaches. Manchmal hilft es uns am besten, tonnenweise Bücher zu lesen und manchmal wollen wir einfach nur unsere Seele baumeln lassen. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Ansätze, jeder braucht etwas Anderes, jeder geht anders auf ein Problem zu. Das ist gut so, weil wir einfach alle unterschiedlich ticken und unterschiedlich reagieren.

Wir müssen kein erleuchteter Buddha werden, um gut zu leben. Ich glaube, wir dürfen echt Mensch sein, mit allen Emotionen, die dazu gehören. Aber ab dem Moment, wo uns unsere Vergangenheit immer wieder Steine in den Weg legt und uns vom Lebendigsein im Jetzt abhält, werden wir früher oder später, aktiv werden. Und nach und nach werden wir dadurch die Schnüre lockern oder ganz lösen. Wir erkennen dann, mit dem verkrampften Festhalten haben wir unser Ziel nicht erreicht und wir wissen auch nicht, ob wir es erreichen, wenn wir locker lassen. Aber auf wundersame Weise haben wir mittlerweile ein Vertrauen entwickelt, das uns zuflüstert, dass trotzdem alles gut ist und wir damit die beste Grundlage gelegt haben, dass auch Gutes zu uns kommt.

 

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