Wie das Herz die Lage sichert

Illustration Johanna Leitner
Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, wieviele Instanzen in euch agieren, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und ob sie sich auch unterstützen können?  In welchen Bereichen eures Lebens ist welcher Teil besonders aktiv? Könnt ihr bewusst entscheiden, wem ihr wann zuhört?

Erfahrungsgemäß vertrauen wir gerne auf den vernünftigen Teil in uns. Er hat immer eine Lösung parat, entscheidet basierend auf Erinnerungen, wiegt ab, ist eher laut und durchsetzungskräftig. Vernunftsentscheidungen können wir zudem belegen und mit anderen diskutieren. So sind wir immer fein raus. Zumindest sind wir davon meist überzeugt. Auch dann, wenn der Verstand Lösungen präsentiert, die dazu führen, dass es uns schlechter geht als vorher, finden wir immer wieder einen Beweis dafür, dass es ja so sein muss, es keinen anderen Weg gibt oder schlichtweg irgendjemand Schuld ist. Dieser mächtige Apparat, den wir üblicherweise im Bereich unseres Kopfes wahrnehmen, hat irgendwie ständig das Ruder in der Hand, wenn wir nicht bewusst einhaken. Zugegebenermaßen ist er ziemlich schlau, speichert Wissen, auf das wir immer wieder zurückgreifen können, lässt uns logisch denken und ruft Leistungen zielgerichtet ab. Wir können und wollen also nicht auf ihn verzichten, soweit so klar.

In manchen Situationen unseres Lebens ziehen wir aber eine zusätzliche Schaltstelle hinzu. Meist passiert das ganz automatisch und wir nennen das Bauchgefühl oder Intuition. Wenn wir darauf hören und sich alles gut fügt, beschäftigen wir uns meist gar nicht weiter damit. Oft vertrauen wir aber nicht auf diese kurzen, prägnanten Eingebungen, sondern sind dazu verleitet, alles dreimal abzuwägen. Es scheint uns sicherer, weil wir es gewohnt sind. Eine große Entscheidung kann ja schließlich nicht so einfach getroffen werden, das muss schon mit Aufwand verbunden sein. Erst wenn wir uns gegen unser innerstes Gefühl entschieden haben und danach eine Art Unzufriedenheit damit einhergeht, erinnern wir uns wieder an die kleine, zarte Stimme, der wir anfangs keinen Glauben geschenkt haben.

Wir hätten es also besser gewusst und haben einfach nicht darauf gehört. Warum haben wir bloß nicht einfach darauf gehört? Und ehe wir es bemerken, beginnt der Kopf bereits wieder mit seiner Lieblingsbeschäftigung: Grübeln, Grübeln, Grübeln und unbedingt einen Schuldigen suchen, in dem Fall wir selbst. Unsere gesamte Energie ist auf den obersten Teil unseren Körpers konzentriert und unsere Gedanken können sich nahezu unendlich im Kreis bewegen. Es fühlt sich an, als würde die Last über uns zusammenbrechen und weit und breit niemand, der uns versteht, hilft oder einfach nur da ist.  Zumindest glauben wir das. Es fällt uns in dem Moment ziemlich schwer, den Fokus vom Kopf wegzubewegen. Wir sind unbewusst davon überzeugt, in dem einen Siebtel des Körpers befindet sich all unsere Weisheit und nur dort wartet auch die Lösung. Beim Versuch uns abzulenken, ertappen wir uns binnen kürzester Zeit dabei, im Gedankenkarussel bereits weitere fünf Runden gefahren zu sein. Auf unseren Kopf ist eben Verlass. Aber – und das ist uns häufig nicht bewusst – auf unser Herz auch.

Während der Kopf noch grübelt, traurig oder wütend ist, ist das Herz längst damit beschäftigt, die Lage zu sichern. Es ist ein Spezialist im Flüstern, bleibt im Hintergrund und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Es weiß einfach, was zu tun ist. Und es ist stärker, als wir glauben. Es würde uns gerne helfen, die ganze negative Gedankenenergie raus aus dem System zu bewegen. Doch meist nehmen wir diese Rettungsaktion gar nicht wirklich wahr. Wir wissen oft gar nicht, dass unser Herz so viel Kraft hat. Und anstatt es zu fragen, wie es uns unterstützen möchte, sind wir oft sehr damit beschäftigt, im Kopf einen Ausweg zu konstruieren. Wir wälzen Erinnerungen hin und her, gehen wieder und wieder vergangene Situationen durch, in der Hoffnung auf eine Lösung. Wenn wir uns davon zu sehr vereinnahmen lassen, übersehen wir leider schnell, dass die pulsierende Kraft in unserer Brust von Zeit zu Zeit auch Aufmerksamkeit braucht. Jeden Tag für ein paar Minuten die Hand auf das Herz legen und bewusst hinspüren, ist ein guter Anfang.

Wir leben in einer Zeit, in der es mehr Selbsthilfebücher denn je gibt und trotzdem tun wir uns oft schwer, den für uns richtigen Zugang zum Leben, zur Arbeit, zu uns selbst zu finden. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, es ist sehr hilfreich, unterschiedlichste Bücher und Blogs zu lesen, weil wir so natürlich unseren Horizont erweiteren, andere Ideen und Ansätze durch unser System bewegen und uns auch ein klein wenig besser verstanden fühlen. Trotzdem kann uns niemand abnehmen, unser Gleichgewicht zu finden. Es liegt an uns selbst, unsere eigenen Kräfte zu aktivieren und zu nutzen. Ich glaube, wir dürfen auf dem Weg dahin dem Herz mehr Vertrauen schenken und dem Kopf nicht immer alles durchgehen lassen. Und wir dürfen uns vor allem genau dabei helfen lassen.

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